Gewerbe- & Handwerkerverein Gengenbach e.V., D-77723 Gengenbach

Es konnte auch kein Geselle mehr auf Wanderschaft ziehen, wie es die Zunftgesetze vorschrieben, ohne fürchten zu müssen, daß er gewaltsam zum Kriegsdienst gezwungen würde. Erst um 1700, als die Stadt, nach dem großen Brand durch die Franzosen, wieder aufgebaut wurde, erwachten auch die Zünfte wieder zu neuem Leben. Im Jahre 1720 gab ihnen die Stadt eine neue Ordnung, die bis zur Auflösung der freien Reichsstadt bestehen blieb. In der Einleitung zu den Zunftstatuten lesen wir:

Wir, Schultheiß, Meister und Rat der heiligen Reichsstadt Gengenbach, bekennen hiermit öffentlich und tun kund männiglich: Durch die vielen Jahre anhaltender verderblicher Kriege, Plünderungen, Brand und endlich erfolgter gänzlicher Einäscherung allhießiger Reichsstadt Gengenbach sind die alte Ordnung, besonders aber die Zünfte zum größten Teil verliegen geblieben.
Auch die darüber vorhanden gewesenen allergnädigsten kaiserlich und königlichen Privilegien sind bei dem Brand verloren gegangen. Wenn daher bei nunmehr hergestellten lieben Frieden solche wiederum einzuführen getrachtet werden und die Renovation der Privilegien von unserem jetzmaligen glorwürdig regierenden römisch kaiserlichen Majestät Karl VI. bereits eingelangt sind, wollen wir unseren Handwerkern jeglichem seine Artikel, Ordnung und Statuten hiermit vorschreiben und zu ihrem Verhalten mitteilen!"


Es folgen in 50 Paragraphen die Rechte und Pflichten, Sitten und Ordnungen der Zünfte. Die einleitenden Hauptartikel, gültig für alle Handwerker, enthielten Reglementierungen, deren penible Genauigkeit wir heute nicht mehr verstehen. Sie zeigen uns allerdings auch, wie mächtig und in das Leben des Einzelnen eingreifend die Zünfte waren. Da gibt es Vorschriften über das Verhalten auf der Straße und in den Zunftversammlungen, über den Ordnungsdienst der Gesellen und Lehrlinge und über die gegenseitigcn Ehr- und Achtbarkeitsbezeigungen innerhalb und ausserhalb der Zünfte. Sogar genaue Anweisungen über die Kleidung sind in den Paragraphen ent-
halten. So durfte zum Beispiel ein Geselle nie ohne Handschuhe und mit offenem Rock bei einer Zunftversammlung erscheinen, ein Knappe nicht ,,ohne Rock, Halstuch und Hut über die Gasse gehen"
Einige Einzelheiten aus den verschiedenen Handwerksgruppen sollen hier noch erwähnt werden. Die Metzger waren besonders auf die Stadt verpflichtet, der freie Verkauf von Fleisch war nur in der städtischen ,,Metzig" zugelassen. Das Schlachthaus stand bis 1782 am Kinzigtor und wurde dann vor das Obere Tor verlegt. Aus einem Bericht vom Jahre 1687 geht hervor, daß ,,die gesamten Metzger, deren 12 dahier sind", alljährlich bei der Stadt wieder neu um Anstellung eingehen mußten. Der Beruf spezialisierte sich sehr früh, denn im Jahre 1739 sind ,,6 Rindfleisch- und 6 Gebratismetzger" genannt.
Von den Tuch- und Leinewebern durfte jeder nur drei Webstühle besitzen. Erst im Jahre 1737 wurden ihnen vom Rat vier Stühle erlaubt. Alle sieben Schneider der Stadt wurden im Jahre 1722 vor den Rat zitiert und unter Androhung von Strafe verpflich-
tet ,,ja kein neumodisch Zeug zu machen und bei der alten Tracht zu bleiben." Der Zimmermann Jakob Sibert mußte sich 1789 vor dem Rat verantworten, weil er am Salmen und am Engel hölzerne Giebel gebaut hatte, die im Bauplan nicht vorgesehen waren.
Das Küferhandwerk war in früheren Zeiten stark besetzt. 1723 arbeiteten dreizehn Küfermeister in der Stadt. Im Herbst jeden Jahres wurden die Küfer vom Rat auf das Weinsticher-Amt verpflichtet. Sie mußten bei den zehntpflichtigen Bauern den Wein abstechen und den zehnten Teil davon in den Stadtkeller bringen. Ein lange sich hin-
ziehender Streitfall aus den Jahren 1789 bis 1796 wirft vielleicht ein besonders gutes Licht auf die Bedeutung der Zünfte und auf die Zeitverhältnisse damals. Es ging um das Brennrecht. Schnaps zu brennen war immer ein Vorrecht der Küfer gewesen, aber man kann sich auch denken, daß die Bauern aus der Umgebung von dieser Bestim-
mung nicht besonders erbaut waren. Sie hatten gewiß schon lange gemurrt, und zweifelsohne mit Recht, aber sie hatten in damaliger Zeit einen schweren Stand, sie waren vom Mittelalter bis in die neuere Zeit hinein beinahe schutzlos und ohne eigene Rechte. Das zeigt sich sogar noch in diesem Vertrag über das Brennrecht, der 1796 zustandekam, in einer Zeit also, die eigentlich doch schon allmählich erkannte, welche Bedeutung dem Bauer und seiner Arbeit zukam. Und doch sind die Zugeständnisse in dem Vertrag noch ziemlich gering. Allerdings waren die Fürsprecher der Bauern auch nicht so unabhängig, wie es die Bauern wahrscheinlich gewünscht haben, sie konnten sich nur durch die ,Heimburgen" vertreten lassen, zwar ebenfalls Bauern, aber sie waren ja doch von der Stadt als deren Vertrauensmänner in den einzelnen Stabs-
gemeinden eingesetzt. In diesem Fall sind es die Stäbe Ohlsbach, Reichenbach, Haigerach, Schwaibach, Bermersbach, Strohbach und Fußbach, und das Ratsprotokoll beginnt mit den Worten:

,,Es erschienen sämtliche Küfermeister dahier und mit diesen die Heimburgen der hierorts untergeordneten Stäbe, welche sich in der Haltung eigener Brennkessel nachstehendermaßen verglichen haben."

Kurz zusammengefaßt heißt es dann in dem Vergleich:
Die Küfermeisterschaft räumt jedem Bauer die Befugnis ein, einen Brennkessel zu halten, er darf aber nur sein eigenes Steinobst brennen. Es ist nicht erlaubt, daß zwei oder mehrere Bauern zusammen einen Brennkessel halten. Kein Bauer darf Obst kaufen und brennen. Hefen und Trabern zu brennen ist nicht erlaubt. Hefen sind wie bisher an den Küfer, der den Keller besorgt, abzugeben. Rebbauern sollen Trabern als Dung verwesen lassen. Am Schluß werden Strafen festgelegt für den Fall, daß irgendein Punkt nicht eingehalten wird.


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